Lichtblicke in Holz gemeißelt

Lichtblicke in Holz gemeißelt
Lichtblicke in Holz gemeißelt
Lichtblicke in Holz gemeißelt
Lichtblicke in Holz gemeißelt
Lichtblicke in Holz gemeißelt
Lichtblicke in Holz gemeißelt
Lichtblicke in Holz gemeißelt
Lichtblicke in Holz gemeißelt
Ariane Lindemann
Veröffentlichungsdatum:
25 März 2025
Wo das Holz zu sprechen beginnt, verstummt für einen Moment der Lärm der Welt.  Die Eröffnung der Ausstellung zum Europäischen Gestaltungspreis für Holzbildhauer:innen im Regierungspräsidium Karlsruhe war ein solcher Moment – still, eindrücklich, bewegend. Regierungspräsidentin Sylvia M. Felder konnte rund 200 Besucher:innen begrüßen. Sie erlebten eine Veranstaltung, die nicht nur das Handwerk feierte, sondern auch die Kraft des Materials und die Tiefe der künstlerischen Auseinandersetzung mit einem uralten Handwerk.
 
Form gewordene Lichtblicke
„Lichtblicke“ lautete das diesjährige Thema – ein Begriff, der in Zeiten von Dauerkrisen, digitaler Überforderung und globaler Erschütterung wie ein Versprechen klingt. 48 Künstler:innen aus dem In- und Ausland gaben diesem Versprechen eine Form – in Linde, Nussbaum, Kirsche oder Zirbe. Entstanden sind Werke, die bewegen, berühren, nachhallen.

Wenn Holz die Seele berührt
Den ersten Preis erhielt Lilli Zentgraf für ihre Arbeit „04. August“. Eine tief emotionale und berührende Momentaufnahme dreier Männerfiguren, die auf einer Bank eng beieinander sitzen. „Der Preis ist eine große Ehre für mich. Es ist eine schöne Bestätigung für meine Arbeit. Vor allem freut es mich zu sehen, wie die Botschaft hinter meinem Werk gesehen und verstanden wird.“ Ihr Werk spricht von Begegnungen, von Abschied – und von der Kraft stiller Verbundenheit. „Es ist ein Kreislauf. Wie der Tag und die Nacht, Winter und Sommer“, beschreibt Lilli Zentgraf ihr Werk. Ein Satz, der nachhallt. Benjamin M. Fock, der den zweiten Preis erhielt, zeigt mit „Horizont“ eine eindringliche Szene im Spannungsfeld zwischen Dunkelheit und Aufbruch. Sein Werk erzählt vom Ringen mit sich selbst – vom Abwägen, Prüfen, Aufnehmen, vom Schwanken zwischen Lichtblick und Dunkelheit. Ein Kunststück über das Erkennen von Chancen. Über Veränderung. Und über den Mut, dem Zweifel entgegenzublicken.

Dass Holz das richtige Material für solche Themen ist, steht für Fock außer Frage:
„Holz ist ein warmer und zugänglicher Werkstoff, dessen Haptik ganz unterschiedlich sein kann“, sagt er. „Ich habe schon als Kind gerne mit Holz gearbeitet – es ist für mich ein Gefühl von Verbundenheit und Zuneigung.“

Jede Skulptur ein eigener Kosmos
Was alle Arbeiten eint, ist die tiefe Auseinandersetzung mit dem Werkstoff. Ob fein geschliffen, grob belassen, bemalt oder farbig lasiert – Holz wird hier nicht nur als Material, sondern als Medium verstanden. Als Träger von Emotionen, Erinnerungen, Botschaften.

Ein Beispiel dafür ist „Still Here“ von Barbara Brenneis – eine Stele mit acht Gesichtern, die sich spiralförmig emporwinden. Das oberste Gesicht trägt ihre eigenen Züge, als Hommage an 40 Jahre künstlerisches Schaffen in einem männerdominierten Handwerk. Oder „Halten“ von Lea Diehl – eine zarte Struktur aus Holunder auf Lindenholz, die Stabilität und Licht zugleich verkörpert. Ihre filigrane Ausarbeitung erzeugt einen Raum, der wie ein Durchbruch wirkt – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Besonders poetisch tritt Rosalie Buchtals „Armillaria“ in Erscheinung: drei Hallimasch-Pilze, die sich durch dunkle Erde zum Licht kämpfen – eine stille Metapher für das Leben selbst. Und dann ist da noch Hannah Bayer mit ihrer Skulptur „Seite an Seite“: Zwei Schleiereulen, die symbolisch für Schwesternliebe stehen. Ihre Botschaft: Gemeinsam schaffen wir alles.

„Die Vielfalt, die Ideen und die Umsetzung der grandiosen Skulpturen haben mich und viele andere zum Staunen gebracht“, erzählt Dorothee Andrae, die in diesem Jahr mit dem Ruth-Leibnitz-Preis ausgezeichnet wurde. „Viele Holzbildhauer:innen verbringen den Großteil ihrer Zeit allein in der Werkstatt – da ist es ein Geschenk, wenn durch Veranstaltungen wie diese ein Ort der Begegnung mit Gleichgesinnten und Kunstinteressierten entsteht.“ Beim Europäischen Gestaltungspreis hatte sie sich mit dem Wunsch beworben, ausstellen zu dürfen und sich bei der Vernissage zu vernetzen. „Umso überraschender war die Auszeichnung – und umso größer die Freude.“

Ein Handwerk zwischen Demut und Zukunft
Der Abend selbst war nicht nur eine Ehrung künstlerischer Exzellenz, sondern auch ein Statement für die Zukunft des Handwerks. „Holz ist kein einfaches Material – aber genau das ist seine Stärke“, sagt Rudi Bannwarth, selbst ausstellender Künstler und Vorstandsmitglied der Landesinnung. „Es zwingt uns dazu, genau hinzusehen, geduldig zu sein und in Resonanz mit dem Werkstoff zu gehen. Wer mit Holz arbeitet, lernt Demut – und Staunen.“

Auch Landesinnungsmeister Sascha Vogelmann unterstrich die Bedeutung des Handwerks für Gegenwart und Zukunft: „Das Holzbildhauerhandwerk hat eine lange Tradition – aber es lebt nicht von der Vergangenheit, sondern von der Begeisterung, die junge und erfahrene Künstler:innen heute in ihre Arbeiten legen.“

Ein Novum in diesem Jahr: der begleitende Online-Katalog, in dem alle Werke vorgestellt sind. Eine Einladung zum Entdecken – auch über Karlsruhe hinaus, denn die Ausstellung zieht weiter. Doch schon in Karlsruhe zeigt sich: Der Gestaltungspreis ist weit mehr als ein Wettbewerb. Er ist ein Plädoyer für das Sehen, das Spüren, das Bewahren.

Denn Holz lebt. Es atmet Geschichten, speichert Berührungen, trägt Spuren und altert mit Würde. Es steht in einem Kontrast zur Kälte der Algorithmen, zur Austauschbarkeit digitaler Bilderwelten. Und vielleicht ist es genau das, was diese Ausstellung so besonders macht: Sie ruft uns ins Gedächtnis, wie wichtig es ist, mit den Händen zu denken.

Hat das traditionelle Handwerk der Bildhauerei eine Zukunft? 
Ganz sicher – wenn man den Werken dieser Ausstellung begegnet. Und auch in der jungen Generation ist Zuversicht spürbar. „Das Bildhauerhandwerk wird sich verändern – aber die Wertschätzung für dieses Können wird nicht verloren gehen“, sagt Lilli Zentgraf. Vielleicht ist genau das der größte Lichtblick.
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